Biberbrunnen

Worüber wir nicht gesprochen haben

Ein dokumentarisches Hörspiel

Miteinander Reden

Es gibt Geschichten, die einzigartig sind. Und dann gibt es Geschichten, die gewöhnlich geworden sind. Die Geschichte vom Biberbrunnen ist eine von ihnen. Die Beschreibungen von den Nazis, die eigentlich nur betrunkene Jugendliche waren, die sich mal gerauft haben, sind ein Sinnbild für das, was in den 90er Jahren in vielen Gemeinden passierte: ein unbemerkter Ruck nach rechts. Wie geht man damit um, wenn ein Klassenkamerad, der Junge von nebenan oder die Cousine plötzlich rechtsradikale Meinungen äußert? – eine Frage an der sich das Hörspiel abarbeitet und die heute aktueller denn je ist. Deshalb soll die Geschichte vom Biberbrunnen zukünftig auch in umliegenden Dörfern aufgeführt und mit den jeweiligen Bewohnern diskutiert werden. Denn: Demokratie braucht Gespräche.

Der Biberbrunnen

In der niedersächsischen Gemeinde Beverstedt versammelten sich Anfang der 90er am Ortswahrzeichen, dem Biberbrunnen, regelmäßig Jugendliche. Sie tranken, pöbelten und versetzten mit ihrer Gewaltbereitschaft das Dorf in Angst und Schrecken. »Man nannte sie ›die Rechten‹ oder auch ›die Neonazis‹, man schaute hin, man schaute weg«, beschrieb damals eine Journalistin die Reaktionen der Beverstedter. So entwuchs im Verlauf der 90er aus den randalierenden Jugendlichen eine 40-50 Mann starke Gruppe, die einerseits aus trinkfesten, gewaltbereiten Mitläufern bestand, andererseits aus ideologisch gefestigten Rädelsführern mit Vernetzung in die rechtsradikale Parteienszene. Auf dem Höhepunkt der Gewalt brachte eine sechsseitige Reportage im Spiegel den Wendepunkt: Nach einer bundesweiten Pressewelle, die Beverstedt als »braunen Flecken« Westdeutschlands auswies, wurde ein innovatives Modellprojekt gestartet. Im Verbund mit Jugendpflege, Schulen, Polizei, Gerichten und Vereinen machte die kleine Gemeinde politisch alles möglich. Mit sichtbaren Erfolgen: Seit Anfang der 2000er ist der Biberbrunnen befriedet – aber sind mit der Gewalt auch die rechten Gedanken verschwunden?

Das Hörspiel

Über mehrere Monate hinweg beschäftigte sich das Projektteam – bestehend aus Nele Dehnenkamp, Irene Baumann und Hannah Bickhoff – mit den Geschehnissen um den Biberbrunnen. Die Medienschaffenden führten Gespräche mit Zeitzeugen und Akteuren von damals, diskutierten in Schulworkshops mit den Jugendlichen von heute und recherchierten in Archiven zu rechtsmotivierten Gewalttaten von den 90er Jahren bis in die Gegenwart. Im Rahmen des Beverstedter Herbstmarktes 2019 wurde die daraus entstandene Materialsammlung erstmals in Form eines dokumentarischen Live-Hörspiels in der Fabian- und Sebastian-Kirche vorgetragen. Ziel des Hörspiels ist es, einen Dialog über den gegenwärtigen Rechtsruck in Beverstedt und anderswo anzustoßen. Als Diskussionsgrundlage dienen die historischen Zeugnisse und Erinnerungen der damaligen Akteure mit Hilfe derer die wichtigsten Ereignisse rekonstruiert und auf der Bühne tonlich inszeniert werden. Diese Rückschau wird untermalt durch die Erinnerungen und Meinungen der Beverstedter, die in anonymisierter Form live gesprochen werden. In interaktiven Passagen soll das Publikum schließlich selbst im Hörspiel sprechen und sich als Gemeinschaft positionieren.

Die Meinungen

»Die wollten einfach provozieren. Denen ging das um die Aufmerksamkeit.«

»Das waren junge Leute, die nirgendwo richtig angekommen waren, und da (bei den Rechten) haben die dann Fuß gefasst.«

»Die, also die Rechten, die haben ja sogar auch Straßensperren gemacht und jeden angehalten, der da vorbei musste.«

»Viele der damaligen Neonazis sind heute im Bürgertum abgetaucht (…), d.h. die Fremdenfeindlichkeit wird sich hier vermutlich über die Generationen fortpflanzen.«

»Die Gewalt war im Kern willkürlich. Wer die Opfer waren – das war eine Frage der Gelegenheit.«

»Ich denke heute noch, dass wir einfach Glück gehabt haben, dass damals niemand gestorben ist.«

»Es braucht ja nur eine handvoll Leute, die anfangen mit ihrer Gesinnung. Der Rest läuft mit.«

»Hat man einen dieser Möchtegerns nach dem politischen Geschehen um Hitler gefragt, so wusste keiner etwas.«

»Das ist eigentlich schon krass, wenn man so überlegt, dass man selber an den Orten chillt, wo damals sehr viele Nazis oder Neo-Nazis gechillt haben.«

»Das hört man ja heute immer noch, wenn man erzählt, dass man aus Beverstedt kommt: Hast du keine Angst, da zu wohnen?«

»Das ist ja immer auch eine Frage von wie das im Elternhaus thematisiert wird – also was die Großeltern vom Krieg erzählen.«

»Die Problematik mit ›rechten Gruppierungen‹ findet heute meines Erachtens kaum noch statt.«

Background

Mitreden

Wir arbeiten daran, das Live-Hörspiel auch in umliegenden Orten aufzuführen. Dafür sind wir weiterhin auf der Suche nach Meinungen. Uns interessiert, was du dazu denkst. Was hätte man in Beverstedt tun können? Welche Parallelen oder Unterschiede gab und gibt zu anderen Orten? Wer fühlt sich heute in Beverstedt ausgeschlossen und warum? Wo sind die rechten Jugendlichen der 90er Jahre heute? – in Beverstedt und anderswo. Deine Meinung wird von uns vertraulich behandelt. Sollten wir deinen Beitrag für das Hörspiel verwenden, werden wir keine personenbezogenen Daten benutzen.

Wohnst Du in Beverstedt?

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Deine Meinung:


Ich bin damit einverstanden, dass mein Wortbeitrag für das dokumentarische Hörspiel
»Biberbrunnen – worüber wird nicht gesprochen haben« in anonymisierter Form verwendet wird:

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